Raus und jetzt?

«Wenn du austrittst und keinen hast, der dich unterstützt, dann brauchst du eine Sicherheit. Du bist draussen und die ganze Welt steht vor dir.» Ehemaliger Heimbewohner, 20

Als wir im Sommer 2013 mit dem Projekt Nachbetreuung starteten, war uns der Begriff «Care Leaver» fremd. Nach teilweise jahrelanger enger Begleitung im Heim mussten die Bezugspersonen gewisse Jugendliche in eine unsichere Zukunft gehen lassen, ohne ihnen weitere Unterstützung anbieten zu können – weil sie 18 Jahre alt waren, die Ausbildung abgeschlossen hatten oder sich gegen die Platzierung auflehnten. 

Auf diesen Notstand beim Übergang vom stationären Setting in die Selbständigkeit reagierte die Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime und schuf mit dem Projekt Nachbetreuung – Nachhaltigkeit von Erziehungs- und Bildungsmassnahmen ein freiwilliges und kostenloses Unterstützungsangebot für diese jungen Menschen. Das Projekt wurde massgeblich von der Drosos Stiftung sowie der Stiftung Mercator Schweiz unterstützt und von der Hochschule Luzern, Soziale Arbeit evaluiert.

Flexibel, niederschwellig, vertraut und bedarfsorientiert
So muss ein Angebot für junge Erwachsene sein. Was bieten Eltern ihren Kindern an, wenn sie von zuhause ausziehen? Die über 500 Projektteilnehmenden konnten beim Austritt entscheiden, ob sie nach Verlassen der Institution ein Coaching starten wollen, mit einem späteren Anruf der Bezugsperson einverstanden sind oder keinen Kontakt mehr wünschen und sich bei Bedarf selbst melden. Telefonisch haben wir knapp die Hälfte der Projekteilnehmenden erreicht, sie nach ihrem Befinden befragt und ihnen das Unterstützungsangebot erneut unterbreitet. Diese proaktive Kontaktaufnahme wurde dreimal wiederholt im Abstand von sechs Monaten. 

80 Projektteilnehmende nahmen ein Coaching in Anspruch – die Hälfte gleich beim Verlassen der Institution, die anderen zu einem späteren Zeitpunkt. Einige brauchten Unterstützung im Bereich Ausbildung und Arbeit: Lehrstelle verloren, keine Arbeitsstelle, Bewerbungsschreiben, Neuorientierung in der Berufswahl. Häufig war die Wohnsituation problematisch: Wie kann ich mit meinem Lehrlingslohn eine eigene Bleibe finanzieren? Es funktioniert nicht mehr bei meinen Eltern, wo finde ich günstigen Wohnraum? Wie kann ich die Konflikte zuhause lösen? 

Viele der Projektteilnehmenden zogen wieder nach Hause; die Mehrheit war noch im Ausbildungs- oder Suchprozess und demnach noch nicht finanziell unabhängig. In den Coachings, die nach Möglichkeit von der ehemaligen Bezugsperson geführt werden, sind die Finanzen deshalb ein grosses Thema. Oft geht es darum, die jungen Menschen an die richtige Beratungsstelle zu verweisen, sie auf ein Amt zu begleiten und ihnen wieder Perspektiven zu öffnen. Nebst den konkreten Tipps sind aber auch Motivation, emotionaler Halt, Orientierung und Stabilität wichtige Bestandteile der Nachbetreuung. 

Nachbetreuung wird implementiert
In der fünfjährigen Projektlaufzeit lernten wir nicht nur den Begriff «Care Leaver» und zahlreiche internationale Forschungen und Projekte kennen, sondern wurden vor allem mit den vielschichtigen Herausforderungen dieser jungen Menschen vertraut. Es gibt nicht DEN Care Leaver und nicht alle brauchen beim Schritt in die Selbständigkeit Unterstützung. Doch für diejenigen, welche Schwierigkeiten haben, diese herausfordernde Lebensphase alleine zu bewältigen und wenig Unterstützung aus ihrem Umfeld erhalten, ist ein bedarfsorientiertes Angebot sehr wertvoll.  

Unsere im Projekt gewonnenen Erfahrungen belegen den Bedarf an flexibler Unterstützung zur Sicherung der Chancengleichheit und der nachhaltigen Integration von jungen Menschen in Beruf und Gesellschaft. Aus diesem Grund implementierte die Stiftung zkj das Nachbetreuungsangebot und bietet Care Leavern zukünftig Übergangsbegleitung an.  

Es freut mich sehr, dass das Projekt Nachbetreuung nicht nur stiftungsintern Anklang fand und mit der Übergangsbegleitung nachhaltig verankert wurde, sondern dass auch auf nationaler Ebene Care Leaver in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Am 1. Januar 2019 startet das Projekt «Kompetenzzentrum Leaving Care» von Curaviva Schweiz, Integras und PACH.

«Vielleicht willst du nicht gleich Hilfe. Du kommst aus dem Heim und willst nichts mehr damit zu tun haben. Aber irgendwann realisierst du: Ich stehe alleine da, ich habe niemanden, der mir hilft. Spätestens dann bist du froh, wenn du dich irgendwo melden kannst und Unterstützung bekommst.» Ehemaliger Heimbewohner, 25

Aktueller Beitrag im Tages-Anzeiger vom 12.11.2018: “Aus dem Heim in die Leere”

 
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Beatrice Knecht Krüger

Leiterin Projekt Nachbetreuung - Nachhaltigkeit von Erziehungs- und Bildungsmassnahmen
Zürcher Stiftung Kinder- und Jugendheime (bis Juni 2018)

Leiterin
Kompetenzzentrum Leaving Care
(ab Januar 2019)

 
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