Care Leaver erforschen Leaving Care.

Übergänge aus der Heimerziehung ins Erwachsenenalter sind mit Herausforderungen verbunden. Care Leaver müssen in der Regel mit 18 Jahren die Jugendhilfe verlassen. Ihre Peers hingegen ziehen durchschnittlich im Alter von 25 Jahren von zu Hause aus und erhalten auch danach bei Bedarf Unterstützung von ihren Eltern.

In unserem partizipativen Forschungsprojekt gehen wir gemeinsam mit Care Leavern der Frage nach, welche Herausforderungen und welchen Unterstützungsbedarf sich beim Austritt aus der Jugendhilfe zeigen. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung Schweiz finanziert. Aktuell liegen erste Ergebnisse der Erhebungsphase vor.

Care Leaver als Expertinnen und Experten
Grundidee des Projekts ist, mit Care Leavern als Expertinnen und Experten gemeinsam zu forschen. Die 15 beteiligten Care Leaver haben 39 Interviews erhoben und ausgewertet. Nun liegen erste Ergebnisse vor. Im nächsten Schritt werden wir diese Ergebnisse gemeinsam mit Unterstützungspersonen, Institutionen und Entscheidungsträgern diskutieren. 

Heim als eigenes «Ökosystem»
Das Heim wird rückblickend von Care Leavern als ein «eigenes Ökosystem» beschrieben. Nach dem Eintritt findet eine Gewöhnung an die dortige Welt statt. Der Alltag im Heim unterscheidet sich dabei stark von der bisherigen Lebenswelt der jungen Menschen. Sie erleben ihn sehr strukturiert, mit klaren Regeln. Häufig können sie die bisherigen Kontakte zu ihren Peers nicht leicht pflegen, und ihr soziales Leben findet insbesondere im Heim statt. Positiv erleben sie, dass ihnen im Heim vieles beigebracht wird. Gleichzeitig kritisieren sie: «Wie das Leben funktioniert, wird dir nicht gezeigt. Und dann stellen sie dich raus, oder du gehst raus und musst einfach funktionieren».

Grenzen der Vorbereitung: «Das echte Leben kann man im Heim nicht simulieren»
Die Zeit nach dem Austritt erleben Care Leaver phasenweise überfordernd. Vom eher reglementiert erlebten Alltag im Heim in die eigenverantwortliche Lebensgestaltung ist ein grosser Schritt: «Plötzlich bist du ganz alleine, du bist auf dich alleine gestellt».

Herausfordernd erleben Care Leaver u.a. folgende Themen:

  • Eigene Finanzen, Versicherungen und Steuern

  • Bezahlbaren Wohnraum finden, Haushaltsorganisation

  • Übergang in die Berufsbildung und Arbeit

  •  Knüpfung und Pflege von sozialen Kontakten

  • Herkunftsfamilie: Neuarrangement der Beziehungen, biographische Beschäftigung mit der Familiengeschichte

  • Unterstützung finden.

Es braucht mehr Unterstützung nach dem Heim
Für die meisten Care Leaver endet der Kontakt zum Heim mit dem Austritt. Sie formulieren den Wunsch, dass auch nach dem Austritt Möglichkeiten der Begleitung und Unterstützung durch das Heim oder andere Institutionen bestehen. Wie geeignete Unterstützungsansätze aussehen können, ist Gegenstand der nun folgenden Projektphase. Das Projekt dauert noch bis Januar 2020.

Weiterführende Informationen zum Projekt Care Leaver erforschen Leaving Care

 
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Angela Rein

Fachhochschule Nordwestschweiz,
Hochschule für Soziale Arbeit,
Institut Kinder- und Jugendhilfe

 
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