In der Werkstatt mit Urs Wiederkehr, Arbeitsagoge und Leiter Trainings­ und Orientierungswerkstatt.

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Audioblog

 

Aus meinem Umfeld höre ich oft, das könnte ich nicht, den ganzen Tag um die schwierigen und oft demotivierten Jungs herum zu sein. Es stimmt schon, man muss der Typ dafür sein. Ich bin gelernter Möbelschreiner und habe nach meinem Lehrabschluss 1985 in ganz verschiedenen Schreinereien gearbeitet. Ich war sogar in Chile, um die Schweizer Botschaft mit Möbeln auszustatten. Die Berufswahl war für uns damals kein grosses Thema. Es war einfacher als heute. Man musste keine Bewerbungen schreiben, sondern ging persönlich vorbei. Dann hiess es, man könne jemanden brauchen, und wenn nicht, ist man zum nächsten Betrieb gegangen – so lief das. Ich wuchs mit zehn Geschwistern auf einem Bauernhof auf, da musste immer etwas geflickt werden. Mir gefiel diese Arbeit, und so fing ich in der Dorfschreinerei eine Lehre an.

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Für uns ist wichtig, was hier und jetzt ist. And dem, was war, können wir nicht schrauben.

Urs Wiederkehr (52)
Arbeitsagoge und Leiter Trainings- und Orientierungswerkstatt, Jugenddorf Knutwil Bad

Mit dem Rücken zur Wand

Bevor ich ins Jugenddorf kam, arbeitete ich neun Jahre in einem Kleinbetrieb in der Umgebung und war auch für die Lernenden verantwortlich. Die Hektik auf den Baustellen gefiel mir immer weniger. Ich entdeckte ein Stelleninserat des Jugenddorfes Knutwil, das mich nicht mehr losliess. Gut 14 Jahre war ich dann in der Schreinerei des Jugenddorfes tätig. In dieser Zeit absolvierte ich am Institut für Arbeitsagogik die Ausbildung zum Arbeitsagogen. Im Februar 2015 übernahm ich die Leitung der Trainings und Orientierungswerkstatt. Es liegt mir, mit Jugendlichen zu arbeiten. Doch es gibt auch Situationen, in denen man ehrlicherweise sagen muss, dass man mit dem Rücken zur Wand steht. Ich kann dann auf gut Glück etwas durchdrücken, entweder es funktioniert – oder es eskaliert. Ich habe mich deshalb zum Arbeitsagogen ausbilden lassen, um noch mehr Handlungskompetenz erlangen zu können. Dabei gibt es keine allgemeingültigen Rezepte. Dennoch bekommt man mehr Sicherheit im Umgang mit den Jugendlichen, was entlastend ist.

Vertrauensbasis schaffen

Man muss sich immer bewusst sein, was mitschwingt, wenn die Jugendlichen gewisse auffällige Verhaltensweisen zeigen. Kommt beispielsweise einer der Jungs am Montagmorgen völlig demotiviert zur Arbeit, kann man vordergründig das abwertende Gefühl entwickeln, dass er einfach nur faul ist. Wichtig ist aber zu überlegen, welche belastende Situation dahinterstehen könnte – eine Enttäuschung zu Hause oder ein Streit auf der Wohngruppe? Manchmal braucht es nur eine kurze Rückfrage oder eine kleine Anteilnahme, damit er sich wieder auf die Arbeit einlassen kann. Der Umgang mit den Jugendlichen beruht auf Beziehungsarbeit. Ich muss einen Bezug herstellen, eine Vertrauensbasis schaffen, damit ich Erfolg haben kann. Der Jugendliche muss sich ernst genommen fühlen. Für uns ist wichtig, was hier und jetzt ist und wohin wir gemeinsam gehen wollen. An dem, was war, können wir nicht mehr schrauben.

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Jugenddorf Knutwil Bad, Knutwil (LU)

Das Jugenddorf Knutwil Bad setzt zivil- und strafrechtliche Massnahmen der stationären Jugendhilfe um. Aufgenommen werden verhaltensauffällige männliche Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren aus der ganzen Deutschschweiz. Das Angebot umfasst Abklärung, Schul- und Berufsausbildung. Die Institution ist an 365 Tagen während 24 Stunden geöffnet.

jugenddorf.ch

Selbstwert stärken

Anerkennung ist für die Jugendlichen sehr wichtig, auch wenn sie es meist nicht offen zugeben. Durch die Arbeit versuchen wir, ihnen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen und ihren Selbstwert zu stärken, der in der Regel nur gering vorhanden ist. Das hilft ihnen, Probleme anzugehen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Läuft man den Jugendlichen auf dem Areal über den Weg und gratuliert ihnen zum Beispiel zum Geburtstag, sind sie überrascht und strahlen vor Freude. Oder wenn intern ein Foto von einem Jugendlichen hängt, der ein schönes Möbel hergestellt hat, ist er stolz, wenn er darauf angesprochen wird. Die Jugendlichen sind sehr empfänglich für Lob und Feedback. Leider haben sie dies in ihrem noch jungen Leben wenig erfahren.

Ganz normale Jugendliche

Ich mache meine Arbeit gerne, deshalb bin ich letztlich auch hier. Viele Leute wissen gar nicht so genau, was wir hier leisten, selbst Leute aus der näheren Umgebung. Vielfach steckt die falsche Vorstellung dahinter, wir würden hier nur basteln und reparieren. Aus diesem Grund veranstalten wir auch öffentliche Anlässe, um möglichst viele Leute herzubringen und ihnen einen Einblick in die Wohn und Arbeitsbereiche geben zu können. Diese Leute sind dann immer erstaunt, was hier alles geleistet wird und dass wir sogar auf dem freien Markt tätig sind. Viele sind dann auch überrascht, dass es sich um ganz normale Jugendliche handelt, die vorübergehend in eine Krise geraten sind und absolut auch ihre positiven Seiten zeigen können.

Langfristig denken

Ich wünschte mir, dass man die Institutionen mit einem anderen Fokus in der Öffentlichkeit sehen würde. Dann wäre das Verständnis ganz anders und vermutlich auch die Finanzierung einfacher. Man müsste auch mal schauen, was hinter den Zahlen steht und was die Folgen daraus sind. Das Jugenddorf ist an 365 Tagen rund um die Uhr offen. Das kostet zwar viel Geld. Ich bin aber überzeugt, dass sich eine solche Investition langfristig lohnt. Für einen Jugendlichen, der mit 18 Jahren abstürzt und keine Perspektiven sieht, zahlt unsere Gesellschaft unter Umständen ein Leben lang.

 
 
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Cornelia Rumo Wettstein

Leiterin Fachbereich Kinder und Jugendliche
CURAVIVA Schweiz

 
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