In den Bergen mit Mayk Wendt, Institutionsleiter.

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Ich fühle mich unglaublich verbunden mit den Schülern. Das hat auch damit zu tun, dass ich vom allerersten Kontakt an dabei bin. Das Erstgespräch mit dem Kind, den Eltern, dem Beistand und den Mitarbeitern der Wohngruppe findet immer mit mir statt. Ich versuche, sehr nahe dran zu sein. Ich will wissen, wovon die Mitarbeiter reden, wenn sie sagen, es sei schwierig. Deshalb mache ich Lager und bin bei Wanderungen und Ausflügen aktiv da­ bei. Dennoch versuche ich, mich aus dem Tages­geschäft herauszuhalten. 

Zwischen Bergen und Meer 

Ich komme aus einem kleinen Bauerndorf in der Nähe von Berlin. Nach dem Abitur entschied ich mich für ein Praktikum im sozialen Bereich. Ich hat­te eine Liste mit weltweiten Institutionen und tipp­te einfach auf eine. Ich war gerade 20. Von den Bergen hatte ich keine Ahnung. Ich begann hier mit einem Praktikum auf der Wohngruppe. Nach zwei Jahren ging ich nach Neuseeland, um zu surfen. Dann hiess es, wir brauchen eine Vertretung auf der Wohngruppe. Ich kam zurück und schloss vier Jahre später die Ausbildung zum Sozialpädagogen ab.

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Es wäre komisch, wenn ich die Schüler einen ganzen Tag nicht sehen würde.

 

Mayk Wendt (35)
Institutionsleiter, Bergschule Avrona

Die neue Institutionsleitung

Als mir die Stiftungsratspräsidentin mitteilte, dass man mich zum Co­Leiter wählen wollte, war ich 29 Jahre alt. Das war auch der grösste Knackpunkt für den Stiftungsrat. Ist er der Richtige? Diese Frage habe ich mir auch ganz oft gestellt. Vom Strand in Neuseeland kam ich direkt in die Sitzung mit Amts­- und Regierungsvertretern. Ich wurde vorgestellt als neuer Institutionsleiter, und viele dachten, oh Gott. Ich sah es in ihren Gesichtern. Der Stiftungsrat meldete mich zu einer Ausbildung als Institutionsleiter an. Ich hatte es mir nicht so schwer vorgestellt, viele der Teilnehmer kamen nicht durch.

Dienende Aufgabe

Ich habe die Leitungsfunktion immer so interpretiert, dass ich in erster Linie einen Rahmen schaffen muss, damit die Mitarbeiter ihre Arbeit bestmög­lich machen können. Bei Mitarbeiter­gesprächen sage ich ihnen, schlagt einen Termin vor. Wir haben so viele Teilzeitangestellte, da will ich nicht, dass jemand extra hochfährt. Es ist eine dienende Aufgabe. Ich grenze aber auch klar ab, wo ich autoritär sein muss, etwa bei Finanzfragen oder Schülersituatio­nen. Und dann muss man auch damit leben, dass es 30 Kollegen, die teilweise deutlich älter sind, genau anders sehen.

Heilige Zeit

Zwischen 5 und 8 Uhr morgens ist die heilige Zeit. Da kann ich viel erledigen. Kein Telefon, keiner kommt ins Büro. Um 8 Uhr habe ich dann erste Besprechun­gen, mit David, dem Co­Leiter, mit meiner Sekretä­rin, Standortgespräche mit Schülern. Es wäre ko­misch, wenn ich sie einen ganzen Tag nicht sehen würde. Sie klopfen manchmal ans Fenster und rufen Hallo. Um 16 Uhr gehe ich heim. Ich arbeite sehr strukturiert, mache eines nach dem anderen. Bei so einer kleinen Stiftung, wie wir es sind, lastet auf dem Heimleiter wahnsinnig viel. Aber ich bin hineingewachsen und mache es gerne.

Voll da

Ich pflege den Kontakt zu den Ehemaligen, um bei ihnen abzuholen, wo wir uns verbessern können. Wenn mir ein Schüler sagt, dass die Gletscherwan­derung das Eindrücklichste für ihn war, dann kann ich eine solche Wanderung besser vertreten. Die Gletscherwanderungen sind eines meiner High­lights. Drei Tage kein Auto, keine Strasse, dafür ha­ben wir die Milchstrasse gesehen. Einer der Schüler sah zum ersten Mal eine Sternschnuppe. Er kam rein und weckte die ganze Hütte auf. Bei der Gletscherü­berquerung hat der Tourenführer gesagt, jetzt kommt es darauf an. Die Schüler waren alle voll da.

Entscheide fällen

Man trägt hier eine grosse Verantwortung. Es gibt oft Situationen, da kann man nicht mit dem Kopf entscheiden. Ich schlafe eine Nacht darüber, manch­ mal zwei. In anderen Situationen geht nur Pro und Contra. Im Marokko-­Lager war ich die Ansprechper­ son für die Schüler. Einer der Schüler brach sich das Handgelenk. Das Spital vor Ort war überfordert, leg­te ihm einen Verband an. Ich habe ihm einen Flug in die Schweiz organisiert. Er hatte eine mehrstündige Operation, und die Ärzte meinten, das hätte böse enden können. Diese Verantwortung ist mir einge­ fahren. Aber auch jeder Personalentscheid ist eine Herausforderung. Es geht schliesslich um Schicksale und Biografien.

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Bergschule Avrona, Tarasp (GR)

In der Bergschule Avrona
lernen junge Menschen in Not­situationen, Hindernisse zu überwinden und Kraft und Mut für ihr Leben zu schöpfen. Das Sonderschulinternat umfasst ein ganzheitliches Förderan­gebot, darunter auch Sport und Bewegung in der Natur. Es bietet Platz für 24 Schülerinnen und Schüler.

bergschule­avrona.ch

Unterschiedliche Schicksale

Man muss sich abgrenzen können in diesem Beruf, sonst verjagt es einem. Ich muss mir bewusst sein, welchen Schüler ich vor mir habe, welche Geschich­te er hat. Wenn wir alle Biografien durchgehen, dann haben wir 24 unterschiedliche Schicksale. Das macht was mit mir. Ich habe gesehen, wie mehr als 1000 Wale getötet wurden und war kürzlich in Uganda, wo es den Kindern richtig schlecht geht. So kann ich den Heimalltag hier wieder in Relation setzen. Jeden Morgen laufe ich den Arbeitsweg 300 Höhenmeter hoch und jeden Abend wieder runter. Das ist sehr heilsam. Zudem arbeite ich ne­benberuflich als Fotograf und habe dann gar nichts mit Pädagogik zu tun.

Kompromisse ausgleichen

In dieser Randregion ist die Personalrekrutierung und damit auch die Personalführung eine grosse Herausforderung. Wir haben in der Regel nicht die Auswahl zwischen zehn oder mehr Bewerbern und müssen deshalb Kompromisse eingehen. Entweder muss ich bei der Ausbildung zurückstecken, oder ich muss in Kauf nehmen, dass die Person beispiels­ weise kein Interesse an alpinen Aktivitäten hat. Alle Kompromisse gehen zu meinen Lasten, und ich muss sie im Alltag ausbalancieren.

Weniger Druck

Ich bin überzeugt, dass es diese Institutionen braucht. Das zeigt mir nach all den Jahren der Kon­takt zu Ehemaligen, die sagen, es sei so wichtig ge­wesen. Die Arbeit wird aber auch wirklich gut ge­macht. Für die Schüler wünschte ich mir weniger Zeitstress. Dieser hat mit unserem westlichen System zu tun. Das nehme ich auch mit von den Rückmel­dungen der Schüler, die in Marokko waren – weni­ger Stress, weniger Druck und zufrieden aussehen­de Menschen. Wir haben eine Stunde auf ein Taxi gewartet. Diese Stunde war eine der besten, die wir hatten.

 
 
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Cornelia Rumo Wettstein

Leiterin Fachbereich Kinder und Jugendliche
CURAVIVA Schweiz

 
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