Demokratie im Heim?

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Das Handlungsprinzip Partizipation ist ein Kernelement der menschenrechtsorientierten Sozialpädagogik. Es trägt dazu bei, die Mitverantwortung der Jugendlichen zu fördern und den internen Qualitätsentwicklungsprozess anzustossen. Wie Partizipation erfolgreich umgesetzt werden kann, zeigt das folgende Beispiel.

2011 machten sich fünf Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe auf den Weg und liessen sich bei der Entwicklung von Konzepten zur Partizipation extern begleiten. Eine dieser Einrichtungen war das Kinder- und Jugendhaus St. Josef, eine grosse Einrichtung in Bad Oldesloe mit 100 Plätzen und 90 Mitarbeitenden. 

Gestaltungs- und Entscheidungsmacht festlegen

Was wurde gemacht? Das Jugendparlament des Kinder- und Jugendhauses wurde neu belebt und mit ganz konkreten Mitentscheidungsrechten ausgestattet. Die verfassungsgebende Versammlung der Mitarbeitenden und Jugendlichen klärte in einem ersten Schritt alle für die Einrichtung relevanten Mitentscheidungsrechte. Das gewählte Jugendparlament erhielt damit konkrete Gestaltungs- und Entscheidungsmacht. Es entwickelte sich zu einem verlässlichen Gremium, das vielfältige Ideen und Vorschläge der Jugendlichen aufnimmt, in die Teambesprechungen trägt und im Rahmen des Qualitätsmanagements (QM) mit der Leitung umsetzt. 

Gemeinsam Lösungen finden

In den letzten sechs Jahren haben die Jugendlichen beispielsweise das Aussengelände umgestaltet. Eine mobile Cocktail-Bar, mit der sie auf Veranstaltungen alkoholfreie Getränke mixten und verkauften, half bei der Finanzierung. Weiter investierten die Heimverantwortlichen in die Öffentlichkeitsarbeit und berichteten auf Tagungen über ihre Erfahrungen mit dem aktiven Einbezug der Jugendlichen. Aktuell behandelt das Jugendparlament eine Beschwerde gegen das Rauchen von Mitarbeitenden vor dem Haupthaus. Bei solchen Themen stossen durchaus verschiedene Interessen aufeinander. Die Verfassung garantiert jedoch, dass die Mitarbeitenden bzw. die Leitung die Beschwerde aufnehmen, diese auf die Tagesordnung des QM setzen und gemeinsam mit den Jugendlichen eine Lösung finden.

Mitbestimmung und Mitverantwortung fördern

Entlang der Auseinandersetzung im Rahmen des QM ereignet sich Demokratiebildung im Heim. War das Jugendparlament zu Beginn einfach nur cool, ist heute die inhaltliche Arbeit zentral. Jugendliche mit persönlichen Machtambitionen, aber ohne besonderem Engagement, wurden von den Bewohnenden abgewählt. Das Jugendparlament ist damit für das Heim zu einem verlässlichen Partner im Qualitätsentwicklungsprozess geworden. Gleichzeitig ist es ein gutes Beispiel dafür, wie demokratische Rechte und Strukturen die Mitbestimmung der Jugendlichen auf Einrichtungsebene fördern und damit die Übernahme von Mitverantwortung ermöglichen.

 

Weiterführende Informationen

Demokratie in der Heimerziehung, Dokumentation eines Praxisprojektes in fünf Schleswig-Holsteinischen Einrichtungen der stationären Erziehungshilfe, Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren

 
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Dr. Kathrin Aghamiri

Fachhochschule Münster

 
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