Wir Mädchen der rose.

Ich, Christina, habe mich mit dem Thema Partizipation in meiner Institution – der rose – befasst. Mit einigen Mädchen meiner Wohngruppe habe ich ein Interview dazu geführt und die Antworten zusammen mit meinen Empfindungen in diesem Text festgehalten. 

Teil 1: Wie wir Partizipation erleben

Ernst genommen werden

Wir verstehen unter Partizipation das Mitspracherecht in der Zusammenarbeit mit den Mitarbeiterinnen, der Familie und weiteren nahestehenden Personen wie z.B. Therapeuten, Beistand, Anwalt, usw. Im Grunde genommen erwarten wir, dass wir das Recht haben, uns zu sämtlichen Lebenssituationen äussern zu können. Da kommen wir eigentlich auch zu dem Punkt, welcher uns in dieser Lebensphase besonders wichtig ist: Wir wollen als Mensch mit unserer Geschichte sowie den Bedürfnissen und den daraus folgenden Handlungen ernst genommen zu werden.

Gehört werden

Wir sind momentan acht junge Frauen, die einen neuen Lebensabschnitt gewagt haben und nun in einer Institution leben. Nicht alle von uns konnten selber bestimmen, ob sie weiterhin zuhause leben oder fremdplatziert werden. Umso mehr möchten wir unsere Bedürfnisse gerne mitteilen und ausleben. Wir haben das Glück, in einer Institution zu leben, in der unsere Meinungen wahr- und ernst genommen werden. Zu vielem können wir unsere eigene Meinung sagen und uns einbringen – vor allem, was den Alltag anbelangt.

In einem geschützten Rahmen und mit Hilfe der Teamfrauen gestalten wir unseren persönlichen Wochenplan und die Alltagsstruktur. Ebenfalls können wir bei der Jahresplanung, Wochen- sowie Ferienplanung mitbestimmen. Bei der Planung der Aktivitäten, der Themenabende und der Abendrituale wird unsere Meinung auch sehr geschätzt. Alle zwei Wochen findet in der rose die Hausversammlung statt. Im Voraus schreiben wir Themen und Inputs auf, welche wir gerne in der Gruppe besprechen möchten. Diese werden dann gemeinsam diskutiert. Manchmal diskutiert das Team die Themen dann noch unter sich.

Seit diesem Jahr gibt es im Jahresplan der rose sogar Supervisionen, an der alle – die Mädchen und die Mitarbeiterinnen – teilnehmen. Diese Supervision wird von einem Supervisor geleitet. Dort haben wir ebenfalls die Möglichkeit, über das ganze Konzept, Alltagssituationen und weitere Themen gemeinsam zu sprechen und Lösungsstrategien zu finden. Im Alltag erfolgt dann die Umsetzung über Verträge, Kodexe oder Abmachungen, die wir festhalten. Natürlich können wir nicht immer und bei allem mitbestimmen. Dies ist auch gut für uns, da wir lernen, einzuschätzen, was in unserer Verantwortungen liegt und was unsere Aufgaben sind.

Offen, ehrlich und interessiert sein

Klarheit ist den Teamfrauen sehr wichtig. Sie schauen fest darauf, dass wir erfahren, warum und weshalb sie sich in gewissen Situationen so oder so verhalten. Nur so kann die Zusammenarbeit zwischen Teamfrauen und Mädchen funktionieren. Sie und auch wir Mädchen schätzen einen transparenten Umgang miteinander. Ehrlichkeit und Offenheit sind wichtige Hilfsmittel, die das Zusammenleben besser und auf Dauer angenehmer machen.

Wir empfinden das Team als sehr offen und engagiert. Wir haben jederzeit das Recht und die Chance, mit unseren Anliegen auf sie zuzugehen und diese entweder im Einzelgespräch, im Liniengespräch oder in den Resilienz-Zeiten zu besprechen. Wir empfinden die Mitarbeiterinnen sowie Therapeuten und Beistände als sehr interessiert. Das schätzen wir wirklich sehr! Man spürt, dass sie uns und unsere Meinungen gerne anhören und sich diese zu Herzen nehmen. Das erleichtert es uns, korrigierende Erfahrungen zu machen und uns Stück für Stück mehr und besser auf unser selbstständiges Leben vorzubereiten. 

Chance nutzen und Ziele erreichen

Wir, Mädchen der Wohngruppe rose, arbeiten sehr an uns selber und unserer Vergangenheit. Wir müssen jeden Tag aufs Neue neue Dinge feststellen und lernen, wer wir sind, was wir brauchen und was wir tun können, um im Leben weiterzukommen. Dabei werden wir hier in der rose gut begleitet und unterstützt. Dafür möchte ich mich im Namen aller Mädchen herzlichst bei allen bedanken. Durch das Wohnen hier in der Wohngruppe rose wird vielen Mädchen ermöglicht, selbst an ihre Ziele zu gelangen und langsam wieder reichlich Energie, Hoffnung und Lebensfreude zu tanken!

Teil 2: Was uns Jugendlichen durch Kopf und Herz geht

Als Jugendliche, vor allem in der Pubertät, wird man überflutet von Meinungen, Äusserungen und Bedürfnissen. Daher kommt es oft auch zu emotionaler und körperlicher Überforderung, welche jedoch unserer Meinung nach genau die hilfreichsten und produktivsten Situationen sind. Warum? Weil man lernt, sich und seinen Gefühlen bewusst zu werden und gut auf sein Inneres zu hören. In den Therapien oder auch in den Gesprächen mit den Teamfrauen können diese Themen dann eingeordnet werden.

Wir Mädchen arbeiten sehr eng mit den Teamfrauen und den Therapeuten. Es bieten sich uns hier in der rose viele Möglichkeiten, das Gespräch zu suchen. Aufgrund des Transaktionsanalyse-Kurses, den die Teamfrauen, wir Mädchen und mittlerweile sogar einige unserer Eltern absolviert haben, können wir alle sehr gut miteinander kommunizieren. Selbstverständlich kommt es manchmal zu Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Anhand unseres Wissens können wir diese jedoch positiv und als ein gutes Lernfeld wahrnehmen. Denn eines haben unsere Erfahrungen uns bereits gelehrt: Eine Veränderung findet erst dann statt, wenn wir den Schritt aus der Komfortzone wagen!

Je nach Erlebnissen und Erfahrungen, die wir in unserem bisherigen Leben gemacht haben, haben wir vielleicht mit gewissen Sachen oder Situationen mehr Mühe als andere. Daher ist es uns sehr wichtig, dass wir gesehen und verstanden werden, damit ein Heilungsprozess beginnen kann. Logisch haben wir auch Bedürfnisse und Ansprüche, welche nicht von heute auf morgen erfüllt werden können. Es gibt auch Dinge, die uns niemand geben kann, die wir uns nur selber geben können. Das «Frieden schliessen» mit sich und seiner Vergangenheit, oder, wie ich es gerne sage, das Akzeptieren des Geschehenen, ist eine der schwierigsten Sachen überhaupt in der Verarbeitung unserer Vergangenheit. Wir sind uns sehr bewusst, dass niemand kommen wird, um uns zu retten. Schlussendlich sind wir unsere eigenen Retter. Und genau deshalb sind wir sehr dankbar, dass wir Menschen und einen Ort haben, die uns auf diesem Weg begleiten.

Ich vergleiche es gerne mit einem Menschen, der lediglich ein leeres weisses Blatt vor sich hat, welches das Leben darstellen soll. Der Mensch sieht, dass er mit diesem Blatt allein nicht weiterkommt. Er kann zwar versuchen, das Blatt zu zerreissen, zusammenzuknüllen und wegzuwerfen. Dies führt jedoch meiner Meinung nach nur zu noch mehr Schmerz und Verdrängung. Ein anderer Mensch kommt zu ihm und reicht ihm einen Stift. Nun hat er die Entscheidung. Entweder lehnt er den Stift ab und bleibt weiterhin alleine mit seinem leeren Blatt, welchem immer mehr Schaden zugefügt wird, oder aber er nimmt den Stift an und beginnt den Anfang einer wundervollen Geschichte zu schreiben, welche sich Leben nennt, mit allem, was dazu gehört, mit allen Schäden und Rissen, die das Blatt bereits hat. Diese hindern den Menschen nicht daran, doch noch etwas Schönes daraus zu machen. An einem Ort zu sein, an dem man sich wohl fühlt, an dem man ernst genommen wird und an dem man lernt, sich selber ernst zu nehmen, ist dies möglich! 

 
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Christina, 17  

Bewohnerin der Wohngruppe rose

 
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