Unterricht im Heim: Alles nach Plan oder doch keinen Plan?

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Irgendwie habe ich mal wieder spontan Ja gesagt, das geht schon, ich hab’ da noch ein paar Sachen ... und nun sitze ich vor dem Laptop und es muss ein Plan her für den Beitrag ...

Das bringt mich dann wieder zu einem der zahlreichen Sinnsprüche, die einem so begegnen, nämlich dem, der mich zuletzt angesprochen hat:

«Das Abenteuer beginnt da, wo der Plan endet...»

Ich habe dies gelesen und gedacht: Das beschreibt meinen Berufsalltag ziemlich genau! Das heisst nicht, dass ich völlig planlos durch mein Berufsleben stolpere, aber dass Pläne oft zwei Seiten haben und sich auch laufend ändern können und müssen. 

Ich arbeite als Lehrperson, genauer als Schulische Heilpädagogin, und als Schulleiterin der internen Heimschule im Schulheim Gute Herberge. 60 Prozent als Lehrperson und 40 Prozent als Schulleiterin. Da fängt es schon an: Diese Aufteilung ist eigentlich ein guter Plan, aber jeden Tag aufs Neue bestimmt mein Alltag, was gerade im Vordergrund steht, egal, was ich vielleicht geplant habe.

Ein Plan bietet allgemein Halt und eine Struktur, um bestimmte Aufgaben zu lösen oder Dinge zu erledigen. Auf der anderen Seit kann er auch einengen. Dann kann oder muss man sich von seinem Plan lösen. Das kann die nötige Handlungsfreiheit eröffnen oder jemanden komplett handlungsunfähig machen, je nachdem, wie man ohne Plan klarkommt, wieviel Sicherheit man im eigenen Handeln findet. Leute, die nicht so detailliert planen, werden manchmal als planlos bezeichnet, das sind die, die «keinen Plan haben». Zunächst klingt das negativ, aber es könnte ja auch bedeuten, dass jemand flexibel ist und in kritischen Momenten schnell und situationsgerecht entscheiden kann. 

Übertragen auf den Lehrerberuf sind das Fähigkeiten, die im Unterricht allgemein und besonders mit verhaltensauffälligen SchülerInnen zentral sind. An vielen Tagen interessiert es meine SchülerInnen nicht, welchen Plan ich mir gemacht habe. Das heisst nicht, dass ich keinen mehr mache. Natürlich plane ich meinen Unterricht. Es gibt ja auch noch einen Lehrplan, an dem ich mich als Lehrperson orientieren muss. Aber ich muss auch den Plan B, C und am besten noch D in der Tasche haben und vielleicht auch ganz spontan handeln können. Und am Ende bin ich als Lehrperson diejenige, die den Überblick behalten sollte, auch über den Plan. 

Dies war am Anfang meines Berufslebens schwieriger als heute. Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass die persönliche, vertrauensvolle Beziehung zu den SchülerInnen die wichtigste Grundlage ist, um erfolgreichen Unterricht zu ermöglichen. Auf dieser Basis finden alle Pläne statt. Ob sie schon in der Unterrichtsvorbereitung entstehen oder erst in der Situation, in der die SchülerInnen ihre persönlichen Bedürfnisse und Schwierigkeiten mit in den Unterricht bringen. Es bringt mich nicht mehr so sehr aus dem Konzept, meinen Plan auch mal umzustellen und das Geplante erst am nächsten Tag zu machen.  

Die Schulkarriere unserer Schülerinnen und Schülern ist eben auch nicht nach Plan gelaufen, sonst wären sie nicht in einem Schulheim. Meistens sind sie auch nicht «nur ein bisschen vom Plan abgewichen», sondern sie haben grössere Umwege und viele Abbrüche im Schulsystem erlebt. Oft sind wir eine Station am Ende eines längeren Weges. Also mindestens Plan C oder D, manchmal auch Plan E oder F. 

Ich wünsche unseren SchülerInnen immer, dass wir ihnen einen Ort bieten können, an dem sie sich gut aufgehoben fühlen und die Freude am Lernen wiederentdecken können. Wenn dies gelingt, sind sie in der Lage, Pläne für ihre Zukunft zu schmieden und eigene Ziele zu erreichen. 

Ich selbst habe im Schulheim einen Ort gefunden, an dem ich gerne unterrichte. Auch wenn meine Pläne als Schulleiterin und Lehrperson sich auch in dieser Woche wieder einmal laufend geändert haben. Nicht nur die SchülerInnen, sondern auch die Lehrpersonen haben dies mit ihren Bedürfnissen nötig gemacht. Und gerade das ist das Spannende an diesem Beruf. Also verlasse ich mein Büro eben auch heute wieder mit einem Blick auf den Stapel unerledigter Arbeiten, die ich eigentlich heute Vormittag unbedingt erledigen wollte …


Highlight: Die Trainingsklasse im Schulheim Gute Herberge – üben, damit der Schulbesuch klappt

Die Gute Herberge nimmt 38 Mädchen und Jungen im schulpflichtigen Alter auf. Zu einer Platzierung im Schulheim führen Verhaltensauffälligkeiten, die familiäre Situation und schulische Schwierigkeiten. Die meisten der SchülerInnen haben deutliche Lernschwierigkeiten oder Lernblockaden und besuchen entsprechend die interne Schule, welche individuelle heilpädagogische Förderung anbietet. Für SchülerInnen, die im internen Unterricht nicht tragbar sind, bietet die Trainingsklasse Entlastung.

Neue Verhaltensmuster trainieren
Die Lehrpersonen und die SozialpädagogInnen der Trainingsklasse schaffen eine positive Atmosphäre, so dass die Kinder und Jugendlichen in diesem Setting Abstand von Geschehenem nehmen können. In der sicheren Umgebung des Schulheims können sie sich mit ihrem Verhalten auseinandersetzen und alternative Handlungsmöglichkeiten suchen. Im Einüben und Erproben neuer Verhaltensmuster können sie Selbstwirksamkeit erfahren. Dabei werden sie von den SozialpädagogInnen unterstützt. 

In der Trainingsklasse wird gemeinsam mit den SchülerInnen und den Lehrpersonen der internen Schule nach Lösungsansätzen gesucht, damit die Situation im Unterricht verbessert werden kann. So kann der Wiedereinstieg über Begleitungen in der Pause oder im Unterricht, über Feedbackgespräche sowie über Teilzeitaufenthalte in der Schule bzw. Trainingsklasse sein.

Wiedereinstieg über praktische Arbeiten
Manchmal geschieht das Herantasten an Schule über praktische Arbeiten und Aktivitäten innerhalb der Guten Herberge. Die Mitarbeit bei handwerklichen Arbeiten, Reparaturen oder bei der Vorbereitung von internen Anlässen zeigt den Kindern und Jugendlichen die Institution und deren Mitarbeitenden von einer anderen Seite. Im Idealfall öffnet diese Distanz zum klassischen Schul- und Lernsetting andere Lernfelder und Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen, die für die positive Entwicklung und das Sich einlassen können wichtig sind. 

Das Beispiel der Trainingsklasse zeigt auf, wie wichtig die Zusammenarbeit aller Bereiche der Guten Herberge für eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht und damit für einen erfolgreichen Schulbesuch ist.

 

 
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Claudia Wasielewsky