In der Küche mit Ruzica Heim, Köchin.

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Audioblog

 

Ich bin jemand, der gerne alles gut macht. Ich habe in Bosnien eine Kochlehre absolviert. Danach wollte ich studieren, habe das Studium aber nach einem Semester abgebrochen. Umweltingenieurin wäre ich geworden. Es war die einzige Universität in der Stadt, und meine Eltern wollten, dass ich daheimbleibe. Ich habe mich eingeengt gefühlt, wollte raus. Da habe ich meine Tante in der Schweiz besucht. Es hat mir sofort gefallen, und ich wollte bleiben. Von einem Hotel habe ich einen Saisonvertrag erhalten. Ich habe alles gemacht, Zimmer, Lingerie. Nur in der Küche habe ich nicht gearbeitet.

Liebe gefunden

Nach fünf Jahren habe ich meinen Mann kennengelernt, und wir haben Kinder bekommen, zwei Söhne. Sie sind schon gross, 26 und 30, der ältere hat kürzlich geheiratet, ich werde bald Grossmutter. Ich sage immer, ich habe mich zuerst in die Schweiz verliebt, dann in einen Schweizer, und dann bin ich geblieben. Ich wohne seit 28 Jahren in Neuendorf. Ich hatte das Privileg, dass ich zuhause bei den Kindern sein konnte. Als der jüngere Sohn in die Schule kam, arbeitete ich Teilzeit als Anlageführerin bei Spirig in Egerkingen. Ich wollte nie lange dortbleiben. Es sind 17 Jahre geworden.

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Wenn die Kinder mich fragen,

wie ich etwas gekocht habe,

sage ich, mit Händen voller Liebe.

 

Ruzica Heim (54)
Köchin, amitola

Wie eine Bauernfrau

Ich bin immer sehr gerne Mutter gewesen. Eigentlich wollte ich nie so arbeiten, sondern viele Kinder haben, zuhause sein und kochen. Wie eine Bauernfrau. Dann wurde mein Mann krank. Er starb vor sieben Jahren. Mein älterer Sohn war damals mit Erasmus in Madrid, und der jüngere musste ins Militär. Innerhalb von drei Monaten waren alle weg. Ich fiel in ein Loch, wurde selber krank. Bei Spirig wurde alles strenger. Ich fragte mich, wieso mache ich das? Ich schrieb meinen Söhnen, dass ich kündigen möchte. Mein älterer Sohn sagte mir, ich müsse heute noch kündigen, sonst würde ich noch 20 Jahre dortbleiben. So habe ich es auch gemacht. Alle waren überrascht, ich auch.

Kreis schliesst sich

Ich wollte etwas Sinnvolles tun, mich um ältere Menschen kümmern. Ein Bekannter von amitola sagte mir, dass sie eine Aushilfe für die Hauswirtschaft brauchen. Ich sagte zu. Sie fragten mich, ob ich kochen kann. Aus zwei Wochen wurden vier. Dann haben sie mir einen Vertrag angeboten. Seit zwei Jahren bin ich nun hier, und der Kreis hat sich geschlossen. Ich habe Köchin gelernt, aber damals hat mir das nichts gesagt. Mein Wunsch war immer, dass ich viele Kinder um mich habe. Ich hatte so viel Liebe in mir, aber ich war allein zuhause. Nun kann ich ausleben, was immer in mir drin war.

Universum für Sterne

Am Anfang wollte ich wissen, was die Kinder gerne essen. Sie sagten Hamburger, Pizza oder Spaghetti. Ich wollte wissen, wie gerne sie essen, was ich koche. Sie konnten mir Sterne geben. Manchmal bekam ich sogar mehr Sterne, als es brauchte. Nach dem Essen sagten sie, ich hätte fein gekocht, für hundert Sterne oder tausend oder zweitausend. Sie fragten mich, was ich mit all den Sternen mache. Ich sagte ihnen, dass ich ein neues Universum gründe, wo alle Sterne Platz haben. Ich koche nicht nach Kochschule, sondern als Mutter. Ich mache alles frisch. Die Kinder müssen nicht alles essen, aber alles probieren. Tomatenrisotto könnten sie jeden Tag essen, und selbstgemachte Pizza.

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amitola, Neuendorf (SO)

Im Anbau des Wohnhauses der Gründerfamilie Misteli wohnen dreizehn und in einer dazu gemieteten Wohnung fünf Kinder und Jugendliche, die aus sozialen Gründen sowohl einen sozialpädagogischen als auch einen familiären Rahmen brauchen. Sie werden durch ein Fachteam betreut und begleitet. Ergänzend bietet amitola Elternbegleitung, Marte Meo und Wohnbegleitung an.

amitola-so.ch

Hände voller Liebe

Wenn die Kinder von der Schule kommen, sind es meine Kinder, die heimkommen. Sie winken vor dem Fenster und kommen in die Küche, um zu schauen, was ich koche und ob es genug hat. Für den Abend bereite ich Suppe, Birchermüesli oder Milchreis vor. Ich habe meine Zeit gebraucht, um statt für vier für so viele Personen zu kochen. Der Mittagstisch ist wichtig. Für die ersten gibt es Apéro, damit sie beschäftigt sind. Ich setze mich zu ihnen auf die Bank, dann rutschen sie näher zu mir, manchmal gibt es Stau. Wenn die Kinder mich fragen, wie ich etwas gekocht habe, sage ich, mit Händen voller Liebe. Fragen mich Erwachsene nach dem Rezept, sagen die Kinder, man müsse Hände voller Liebe haben.

Rüeblisalat

Die Geschichten der Kinder interessieren mich nicht. Ich sehe das Kind als Kind. Mein Beitrag ist, dass es ihnen gut geht. Von einem kleinen Jungen ist die Mutter gestorben. Ich merke, dass ich mehr geben will, wenn ich diese Geschichte kenne, aber das ist nicht der Sinn der Sache. Die Kleinen, die daheim sind, helfen manchmal beim Rüsten. Wir nehmen die Lebensmittel in die Hand und schauen, was es ist. Sie haben gerne, wenn ich Rüebli durch die Maschine lasse. Wenn ich keinen Rüeblisalat auf dem Plan habe, und ein Kind will Rüebli durchlassen, dann machen wir das, und dann ist das sein Salat.

Meine Küche

Eine Mutter kann niemand ersetzen. Das will ich auch nicht. Ich bin nur Teilzeitmutter, oder ein bisschen Mutter. Die grösseren Kinder sagen, es ist schön, dass du nicht so eine typische Köchin bist, die so angezogen ist und sich so verhält. Ich höre das gerne. Manchmal sagen die Kinder, meine Mutter kocht gut, und dann kommst du, du bist fast so gut wie meine Mutter. Ich finde das schön, dass die Mutter an erster Stelle ist. Wenn ich zuhause von meinen Kindern erzähle, dann fragen mich meine Kinder, welche Kinder ich jetzt meine. Ich sage hier auch, das ist meine Küche.

 
 
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Cornelia Rumo Wettstein

Leiterin Fachbereich Kinder und Jugendliche
CURAVIVA Schweiz

 
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