Im Besprechungszimmer mit Sarah Lago, Sozialpädagogin und Gruppenleiterin.

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Die meisten der Mädchen haben ganz schwierige Lebensgeschichten. Viele kommen aus einem sozialen Umfeld, in dem Gewalt oder Drogen teilweise als normal angesehen werden oder kaum Strukturen und Regeln herrschen. Durch dieses Umfeld werden sie geprägt. Manchmal frage ich mich, wie ich mein Leben in diesem Alter meistern würde, wenn ich so eine Lebensgeschichte hätte. Die Mädchen haben mein Mitgefühl, doch ich bin auch realistisch und pragmatisch. Die Vergangenheit kann man nicht ändern. Mein Ziel ist, aus der momentanen Situation das Beste zu machen, zukunftsorientiert zu arbeiten und mit den Mädchen zu schauen, was ihre Ziele sind und wo ich sie unterstützenkann, so dass sie später ein selbstständiges Leben führen können.

Nähe und Distanz

Schon mit 16 Jahren habe ich gewusst, dass ich etwas im sozialen Bereich machen möchte. Ich komme aus einem sozialen Elternhaus und habe mich schon während der Zeit im Gymnasium für Kinder mit einer Behinderung engagiert. Nach der Matura habe ich ein Praktikum in einem Heim gemacht. Es war eine strenge Zeit. Die ältesten Jugendlichen waren 16, ich war 19. Mein Motto war, zu allem erstmal Nein zu sagen. Das hat funktioniert. Ich habe früh gemerkt, wie wichtig es ist, ein gutes Verhältnis von Nähe und Distanz zu haben. Nach der Ausbildung zur Sozialpädagogin kam ich hierher. Ich kann gut mit Mädchen, ich fühle mich ihnen nahe. Ich bin mit Schwestern aufgewachsen, vielleicht deshalb.

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Die Mädchen geben so viel von sich preis, deshalb gebe ich auch von mir preis.

 

Sarah Lago (31)
Sozialpädagogin und Gruppenleiterin,
Jugendstätte Bellevue, Altstätten

Über Beziehung arbeiten

Ich bin kein Fan davon, Räubergeschichten zu erzählen. Diese passieren tatsächlich, mit verschiedenen Facetten. Wir sind – mit der geschlossenen Intensivgruppe – eines der strengsten Heime. Man wird schon auch ein bisschen abgebrüht. Entweichungen zum Beispiel sind für uns Alltag. Das Schönste an unserem Beruf ist, dass wir über die Beziehung arbeiten. Diese Beziehungen leben mit Höhen und Tiefen. Was ich erstaunlich finde: Es ist so selten, dass jemand einem persönlich beleidigt. Sie sagen «Scheiss-Sozi», aber das kann ich gut nehmen, denn das ist meine Rolle. Das geht nicht persönlich gegen mich. Jeder, der ihnen Grenzen aufzeigt, ist ein «Scheiss-Sozi».

Das Beste geben

Es sind wenige, die zugeben, dass das hier auch ein Zufluchtsort ist. Egal, was sie erlebt haben, es ist ihre Familie, ihr System, sie schauen es als normal an. Sie sind loyal zu ihren Familien, und wir können auch keine Familie ersetzen. Ich verstehe jede, die hier raus will. Das muss man sich vorstellen, es sind acht Mädchen auf einer Gruppe, und dann sind noch wir, ein geregelter Alltag, das ist nicht einfach. Die Eltern muss ich akzeptieren, wie sie sind. Alle Eltern geben ihr Bestes, ihren Möglichkeiten entsprechend. Sie sind ein wichtiger Teil des Weges, den wir gemeinsam mit den Jugendlichen gehen.

Gemeinsame Teenie-Zeit

In der Ausbildung hat man immer gesagt, man müsse ersetzbar sein. Wenn ich Dienst habe, wohne ich hier 24 Stunden mit den Jugendlichen, und wir verbringen einen beachtlichen Teil ihrer Teenie-Zeit zusammen. Das verbindet. Ich bin dafür, dass wir auch einen Raum in ihrem Leben einnehmen, wenn sie das wollen. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie finde ich das für die Jugendlichen wichtig. Ich wurde auch schon zu einem 18. Geburtstag oder zu einer Lehrabschlussfeier eingeladen, als die Mädchen schon lange ausgetreten waren. Jeder Sozialpädagoge muss für sich wissen, ob er das will. Mich interessiert, was aus ihnen geworden ist. Es sind auch schon ernste Sachen passiert. Eine Jugendliche hat mich kontaktiert, weil sie ungewollt schwanger geworden ist. Sie war zwei Jahre nicht mehr da, und ich kam ihr in den Sinn. Das gab mir schon zu denken.

Authentisch sein

Man muss schlagfertig sein mit diesen Mädchen. Ich kann vieles mit Humor nehmen. Das Grundklima ist gut. Es gibt aber auch Konflikte und Drama. Man muss sich gut abgrenzen können. Ich bin nicht sicher, inwieweit man das lernen kann oder ob es ein Charakterzug ist. Am wichtigsten ist, dass man authentisch ist, sonst wird es schwierig. Die Mädchen haben Sensoren dafür. Man merkt, dass sie eine hohe Akzeptanz für das Anderssein haben, auch wie wir Sozialpädagogen sind mit unseren Eigenheiten. Ich staune manchmal.

Geben und Nehmen

Heute ist alles viel individueller und auf die Bedürfnisse der einzelnen Jugendlichen ausgerichtet. In gewissen Situationen sind unterschiedliche Reaktionen manchmal schwierig zu vertreten, weil die Jugendlichen diese als ungerecht empfinden. Ich persönlich finde es eine sehr wichtige Entwicklung. Ich freue mich, wenn die Jugendlichen über ihren Schatten springen können und man sieht, dass sie aus eigener Kraft etwas schaffen. Klar sind wir im Hintergrund, aber das ist nicht in erster Linie unser, sondern ihr Verdienst. Wenn eines der Mädchen einen guten Austritt hat und eine Rede hält, was sie hier gelernt hat, dann geht mir das schon sehr nahe. Sie geben so viel von sich preis, deshalb gebe ich auch von mir preis. Dieses gegenseitige Geben und Nehmen gehört für mich zur Beziehungsarbeit dazu.

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Jugendstätte Bellevue,
Altstätten (SG)

In der Jugendstätte Bellevue werden normal begabte Mädchen und junge Frauen im Alter von 13 bis 18 Jahren aufgenommen, die sich in einer schwierigen sozialen Lebenssituation befinden. Auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit werden die Jugendlichen individuell unterstützt und gefördert. Die Jugendstätte bietet verschiedene Wohnformen und Ausbildungsbereiche an.

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Vorurteile abbauen

Wenn sich die Jugendlichen um Lehrstellen bewerben und sagen müssen, sie seien im Bellevue, dann ist es für sie schwierig, dazu zu stehen. Je nachdem gibt es Vorurteile gegenüber den Jugendlichen im Heim. Das wünschte ich mir, dass die Vorurteile abgebaut werden. Auf beiden Seiten. Auch mehr Anerkennung für unsere Arbeit und für das, was die Jugendlichen leisten, wäre schön, denn es ist nicht ohne in so einem Heim. Es ärgert mich, wenn im sozialen Bereich gespart wird. Dann denke ich mir, ihr habt keine Ahnung, was da für Geschichten dahinter sind. Wir müssen den Mädchen eine Chance geben, und die bekommen sie hier.

 

 
 
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Cornelia Rumo Wettstein

Leiterin Fachbereich Kinder und Jugendliche
CURAVIVA Schweiz

 
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