Privatsphäre im Heim – für alle anders.

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«Privatsphäre ist für mich der persönliche Raum, welcher bei allen anders ist. Manche wollen mehr Abstand zu Anderen und möchten auch nicht alles von sich preisgeben. Jeder Mensch ist anders.»

In einem Wohnheim zu leben bedeutet auch, sich mit anfänglich fremden Menschen auseinanderzusetzen. Wie in einer Familie kann man sich nur bedingt aussuchen, mit wem man unter einem Dach lebt. Wenn verschiedene Charaktere aufeinandertreffen, entsteht eine ganz eigene Dynamik. Es gelten inoffizielle Regeln, die einem zum Teil nicht bewusst sind, aber trotzdem von jedem eingehalten werden. Es werden Freundschaften geschlossen, und es gibt Streitigkeiten, wie man sie unter Geschwistern erlebt.

Einigen Menschen fällt es leicht, auf andere zuzugehen, andere wiederum brauchen Zeit, um ihre Gedanken ordnen zu können. Es gibt solche, für die eine freundschaftliche Umarmung völlig normal ist, wieder andere brauchen für das eigene Wohlgefühl einen räumlichen Abstand zum Gegenüber. Aus diesem Grund ist Privatsphäre ein wichtiges Thema. Nicht jeder Mitbewohner oder jede Mitbewohnerin versteht den Begriff auf die gleiche Weise. Trotzdem ist es jedem ein Anliegen, dass die eigene Privatsphäre respektiert wird. 

Wir haben verschiedene Gruppenmitglieder des Wohnheims zum Thema Privatsphäre befragt. Hier ein paar Ausschnitte dieser Gespräche. 

Privatsphäre hat viele Facetten

Privatsphäre kann auf verschiedene Arten verstanden werden. Für die meisten Jugendlichen ist es zentral, einen persönlichen Rückzugsort zu haben, ein eigenes Zimmer, wo man zur Ruhe kommen kann. Das Bedürfnis nach Ruhe und Zeit für sich selbst soll respektiert werden. Privatsphäre geht für die jungen Erwachsenen jedoch über die vier Wände hinaus:

«Man muss die Grenzen der anderen respektieren und kann nicht einfach machen, was man will. Jeder sollte die gleichen Rechte haben. Wenn man selbst etwas nicht möchte, muss man akzeptieren, dass es Dinge gibt, die auch andere nicht in Ordnung finden. Auch wenn es für einem selbst nicht schlimm ist.» 

«Dass man sich gegenseitig respektiert, vor allem wenn es um persönliche Dinge geht, ist für mich sehr wichtig. Ich möchte nicht, dass man meine Sachen durchwühlt oder Dinge ausplaudert, die ich im Vertrauen erzählt habe.» 

Freiräume gewähren

Einzelne benötigen mehr räumlichen Abstand, andere möchten nicht mit jedem über persönliche Erlebnisse sprechen: 

«Da ich mich sehr schnell eingeengt fühle, benötige ich meinen eigenen freien Raum. Körperkontakt fällt mir nicht leicht und ich brauche einen gewissen Abstand zu anderen Menschen, damit ich mich wohl fühle.»

«Ich möchte, dass man sich Zeit lässt mich kennenzulernen, und nicht direkt mit persönlichen Fragen kommt, wie beispielsweise warum ich im Wohnheim bin.»

Grenzen klären

Um sich an die Grenzen der anderen halten zu können, benötigt man auch das Wissen um deren persönlichen Ansichten zum Thema Privatsphäre:

«Man muss miteinander abmachen, was Privatsphäre alles beinhaltet, weil das nicht jeder gleich sieht. Wenn mir jemand nicht sagt, dass er Mühe mit Körperkontakt hat, dann mache ich vielleicht etwas, das den anderen verletzt. Dabei möchte ich das gar nicht. Darum muss jeder sagen, was er sich wünscht und man muss Regeln aufstellen, die für alle gelten. Und ich möchte, dass man mir direkt sagt, wenn ich die Privatsphäre von jemandem verletzt habe. Dann weiss ich es beim nächsten Mal.»

Regeln einhalten

Regeln tragen ebenfalls zur Wahrung der Privatsphäre bei: 

«Natürlich muss man anklopfen, bevor man ein fremdes Zimmer betritt. Man darf auch nicht fremde Sachen entwenden, das ist verboten. Auch das Einhalten der Nachtruhe ist wichtig, da einige sehr früh raus müssen, und es ist nicht cool für sie, wenn mitten in der Nacht noch laute Musik läuft. Dinge, die uns stören, werden in der Gruppe besprochen, und wir versuchen dann eine Lösung zu finden.» 

«Ich finde es gut, dass die Jugendlichen des Wohnheim nicht ins Büro der Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen dürfen, weil da viele persönliche Daten und Unterlagen von mir und jedem anderen zu finden sind.»

Mehr Privatsphäre als daheim

Viele haben in ihrem Elternhaus kein eigenes Zimmer als Rückzugsort. Einzelne Jugendliche müssen ein Zimmer mit der Schwester oder mit dem Bruder teilen. Zudem ist vielen die Regel des Anklopfens nicht bekannt: 

«Meine Geschwister sind einfach immer in mein Zimmer gekommen, ob ich wollte oder nicht. Und auch wenn ich sagte, dass sie wieder gehen sollen, hat das nichts genützt.»

«Ich durfte mein Zimmer nie abschliessen, und es wurde keine Rücksicht auf meine persönlichen Sachen genommen.» 

«Zu Hause wird nicht geklopft, sondern man geht einfach in mein Zimmer. Allgemein habe ich hier mehr Privatsphäre als daheim.»
 

 
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Mia, 17

KV-Lehrtochter,
Bewohnerin Wohnheim Varnbüel

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Desireée Kühne  

Sozialpädagogin BSc im Wohnheim Varnbüel

 
 
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