Im Büro mit Sandra Huwyler, Sachbearbeiterin Sekretariat und Administration.

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Wenn ich sage, dass ich im Kinderheim arbeite, dann machen viele grosse Augen. Es tönt interessanter, als wenn man sonst in einem Sekretariat arbeitet. Ich habe vor 30 Jahren eine KV-Lehre bei einer Gemeinde gemacht. Nach ein paar Umwegen durfte ich bei Swissair sieben Jahre meinen Traumberuf als Flight Attendant leben. Dann bekam ich Kinder und war elf Jahre vom Berufsleben weg. Ich habe immer gesagt, ins Büro will ich eigentlich nicht mehr, das ist nicht so meine Welt. Als sie in meinem Dorf jemanden für das Schulsekretariat suchten, habe ich diese Chance doch gepackt. Nach vier Jahren machte ich einen kurzen Abstecher in ein Architekturbüro und wechselte danach ins Kinderheim St. Benedikt. Hier geht es nicht um Offerten und Rechnungen, sondern um Menschen, um die Kinder und Jugendlichen, das zieht mich an, das interessiert mich.

Viel Administration

Ich erledige die ganze Klientenadministration, die Eintritte und die Austritte. Es gibt viele Formulare auszufüllen, bevor ein Kind eintreten kann. Dann bin ich auch noch für Telefon, Schalter, Post und die Spendenadministration zuständig. Auch den Jahresbericht stelle ich zusammen. So ein Büchlein habe ich vorher noch nie gemacht, ich komme mir dabei fast vor wie eine Grafikerin. Ich pflege die Homepage und bestelle Büromaterial. Es ist nie langweilig. Es lebt, und das finde ich schön. Wir haben auch nicht die Hektik, die man vielleicht in anderen Betrieben erlebt. Es kann schon passieren, dass eine Notfallsituation mit einem Kind eintrifft, aber trotzdem wird Ruhe bewahrt.

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Hier geht es nicht um Offerten und Rechnungen, sondern um Menschen, um die Kinder und Jugendlichen.

Sandra Huwyler (50)
Sachbearbeiterin Sekretariat und Administration, Kinderheim St. Benedikt

Traurige Momente

Viele Kinder und Jugendliche haben eine traurige Vorgeschichte – oft unglaublich und unvorstellbar. Die Kinder kommen zu uns ins Sekretariat, wenn sie Material für die Schule brauchen. Einige Kinder suchen das Gespräch, andere sagen kaum Grüezi. Ich kann mich abgrenzen, weil ich sonst nichts mit den Kindern zu tun habe. Am nächsten erlebe ich sie bei den Standortgesprächen, die ich protokolliere. Da sind die Eltern, der Beistand, die Schulpflege und die Bezugsperson anwesend. Manchmal gibt es Situationen, die stimmen mich nachdenklich und traurig und berühren mich.

Fisch ohne Kopf und Schwanz

Ich habe schon drei Abschlussfeiern miterlebt. Da gibt es Jungs, die haben es geschafft und bedanken sich, dass sie da sein konnten. Auch das sind berührende Momente. Wenn ein Kind vorbeikommt, dann frage ich immer, wie es ihm geht und was es macht. Zu uns Bürofrauen sind die Kinder sehr freundlich und zuvorkommend. In den letzten Sommerferien sind einige Kinder zum Fischen gegangen und haben mich gefragt, ob ich auch einen Fisch will. Ja, habe ich gesagt, aber ohne Kopf und ohne Schwanz. Da haben sie mir einen schön filetierten Fisch gebracht. Ich komme oft an den Punkt, wo ich mich frage, warum diese Kinder in einem Heim sind. Wenn man jedoch ihre Geschichten kennt, weiss man warum.

Gewaltige Chance

Mein Bild vom Heim hat sich verändert, seit ich da bin. Ich habe es vorher nie so positiv angeschaut. Ohne Orte wie diese wären ganz viele Kinder und Jugendliche verloren. Wir hoffen, dass sie ihren Weg finden. Hier können sie sich entwickeln und Selbstvertrauen gewinnen. Sie werden auch sehr stark in ihrer Selbstständigkeit gefördert. Wenn ich daheim erzähle, dass die Jungs der Jugend- und Lehrlingswohngruppen ihre Wäsche selber machen, machen meine Töchter grosse Augen. Es ist unglaublich, was den Kindern hier alles geboten wird. Es ist eine gewaltige Chance, nur nutzen sie leider nicht alle gleich.

Mut machen

Wenn die Kinder im Zirkus auftreten, dann lohnt es sich, die Vorstellung zu besuchen. Ich bekomme ein ganz anderes Bild von ihnen, als wenn ich sie im Büro erlebe. Sie stehen im Mittelpunkt, erhalten Applaus, was sie sonst selten bekommen. Sie wurden ermutigt, etwas Neues auszuprobieren und an sich zu glauben. Es ist wie an der Fasnacht, man verkleidet sich, schlüpft in eine andere Rolle. Ein grosser, fetziger Junge in einem Tutu und mit langen blonden Haaren kletterte am Seil hoch. Ich war so erstaunt, dass er und all die anderen Jungs sich so viel zutrauten.

 

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Kinderheim
St. Benedikt, Hermetschwil-
Staffeln (AG)

Das Kinderheim St. Benedikt ist ein Sonderschulheim für normalbegabte Knaben und männliche Jugendliche im Schulalter, welche sich persönlich und sozial in einer kritischen Lebenssituation befinden. In einem professionellen Umfeld werden ihre Ressourcen und Fähigkeiten individuell gefördert. Das Heim umfasst vier altersdurchmischte Kinder- und Jugendwohngruppen sowie eine Lehrlingswohngruppe.

stbenedikt.ch

 
 
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Cornelia Rumo Wettstein

Leiterin Fachbereich Kinder und Jugendliche
CURAVIVA Schweiz

 
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