Eltern auf Distanz.

Wie erleben Eltern die Zeit, während derer ihre Kinder in Institutionen oder Pflegefamilien betreut werden? Was beurteilen sie positiv, was empfinden sie als schwierig? Was wünschen sie sich und was brauchen sie? Das sind die zentralen Fragen meiner Untersuchung, welche ich zurzeit für meine Masterarbeit an der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit durchführe. Auch wenn die Auswertungen der Interviews noch nicht fertig sind, steht eins bereits fest:  die Bandbreite der Antworten ist gross und reicht von «Zusammenarbeit auf Augenhöhe», «wertgeschätzt» bis «unverstanden» und «alleine gelassen». 

Jede Familie und jede Platzierung sind anders

Meine wichtigste Feststellung erscheint banal und dennoch entscheidend: Es gibt sie nicht, DIE Herkunftseltern oder DIE Fremdplatzierung. Ich bin durch meine Interviews mit Eltern in Kontakt gekommen, die einen pädagogischen Hintergrund haben, mit solchen, die selbst im Heim aufgewachsenen sind oder unter psychischen Problemen leiden. Es gibt Eltern, welche aufgrund einer aktuellen Überlastung «nur» eine zeitweise Entlastung für sich und ihr Kind brauchen oder jene, welche eine langfristige Unterstützung benötigen. Dementsprechend unterschiedlich sind die Platzierungsarten und deren Dauer. 

Erleben der Eltern

Trotz aller Unterschiede und unabhängig davon, wie gut die Vorbereitung oder wie gut das Verständnis der Eltern für die Notwendigkeit der Fremdplatzierung ist, eins ist allen Eltern gemeinsam: Es ist ein einschneidendes Erlebnis mit starken Emotionen. «Und plötzlich ist dein Kind weg – das tut weh», sagte eine Mutter unter Tränen in einem Interview. Ein Vater meinte sichtlich berührt: «Manchmal dauert es, bis man realisiert, was Fremdunterbringung wirklich bedeutet.»

Herausforderungen

Die Eltern sehen sich neuen Herausforderungen gegenüber: Die Rolle als Eltern auf Distanz, zwei Lebenswelten, mit denen man sich arrangieren muss und ein Kind, das manchmal nicht nachvollziehen kann, warum es nicht bei den Eltern aufwächst. Erschwerend kommt hinzu, dass Eltern die Fremdplatzierung oft als eigenes Versagen erleben. 

Den meisten Eltern fällt es schwer, über die Platzierung ihres Kindes zu reden. Es überwiegt die persönliche Scham und Enttäuschung, es trotz grosser Anstrengungen nicht selbst geschafft zu haben. Alle Gespräche waren geprägt von hoher Emotionalität. Das Gefühl der Eltern, nicht zu genügen oder verunsichert zu sein in ihrer neuen Rolle als Eltern auf Distanz, die Trauer über den temporären Verlust des Kindes und das Arrangieren mit der neuen Lebenssituation sind Prozesse, deren Bewältigung Zeit und Energie brauchen. Bei den strukturierten Prozessen der Elternarbeit treten diese Aspekte für die Fachpersonen manchmal in den Hintergrund.   

Komplexe Lösungen sind gefragt

Fakt ist, auch die Eltern dieser Kinder brauchen jemanden, der mit ihnen ihre Probleme angeht. Doch wer übernimmt dieses Mandat? Institutionen sehen derzeit ihren Auftrag darin, Eltern lediglich in ihrer Rolle als Erziehungsverantwortliche zu stärken. Wäre es nicht wünschenswert, wenn in Zukunft die institutionelle Arbeit die ganze Familie im Fokus hätte? Dafür wären jedoch neue Finanzierungsmöglichkeiten und Konzepte erforderlich. Vielleicht könnte hier die Sozialraumorientierung, mit dem Fokus auf die Familiensituation sowie dem Bestreben nach ganzheitlichen Lösungen, ein interessanter Ansatz für sozialpädagogische Institutionen sein, denn dieser würde die heutigen zum Teil sehr eingeschränkten Aufgaben und Rollen breiter definieren.

 
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Anja Stocker

Masterstudentin
Soziale Arbeit an der
Berner Fachhochschule BFH

 
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