Heim als Chance oder Notlösung? Persönliche Erfahrungen aus professioneller Sicht.

Wohl behütet wuchs ich in einer Grossfamilie mit Eltern, Grosseltern und vier Geschwistern auf. Im Quartier hatte ich jede Menge Spielkameraden und erlebte eine schöne Kindheit. In Sichtweite von unserem Wohnort thronte auf einer Anhöhe ein imposanter Bau mit hohen Mauern. Es war ein Kinderheim. Wie wohl viele andere auch, hörte ich in meiner Kindheit von meiner Mutter ab und zu, sie bringe mich ins Kinderheim, wenn ich nicht brav sei. Diese Vorstellung war schrecklich und vor allem ziemlich real – stand es doch da, das Kinderheim.

Da das Lehrerseminar zu weit weg war, schickten mich meine Eltern trotz Widerstand mit 15 Jahren in ein Internat. Sie waren überzeugt, das Beste für mich entschieden zu haben. Und sie behielten recht. Ich hätte vieles verpasst, hätte ich diese Chance nicht erhalten. Ich fand enge Freundschaften. Anstelle der Spielkameraden aus dem Quartier hatte ich viele Kollegen, mit denen ich nach der Schule Fussball spielte, Hausaufgaben erledigte, am Abend zusammen vor dem Fernseher sass, ins Kino ging etc. Und ich musste den Eltern nicht Rechenschaft ablegen, mit wem ich in den Ausgang ging. Der Milieuwechsel war für mich eine Bereicherung.

Jahre später holte mich das bange Gefühl mit dem Kinderheim wieder ein. Ich war Schulpsychologe und musste gegenüber der Schulpflege begründen, wieso das Schulheim für das Kind die beste Lösung sei. Vorausgegangen waren Beratungsgespräche, integrative Schulungsversuche und ambulante Massnahmen. Wenn sie alle nicht den erhofften Erfolg brachten, blieb als (Not-) Lösung das Schulheim. An den Standortgesprächen im Schulheim wurde ich als „Versorger“ begrüsst. Mir war oft mulmig dabei.

Meine Eltern haben sich damals freiwillig für das Internat entschieden. Beim Schulheim ist der Entscheid der Eltern jedoch nicht freiwillig. Es sind oft schwierige Umstände, die sie dazu zwingen. Sie bleiben mit dem Gefühl des eigenen Versagens zurück, weil alle Versuche im familiären Rahmen gescheitert waren. Oftmals sind die so platzierten Kinder jünger und das Gefühl, es weg zu geben, löst Schuldgefühle bei den Eltern aus. Wenn dann noch die hohen Kosten moniert werden, wächst das schlechte Gewissen umso mehr. Die Chancen, die ein Aufenthalt im Heim für die weitere Entwicklung bieten kann, tritt dann gerne in den Hintergrund. 

Nach langjähriger beruflicher Tätigkeit in diesem Bereich kenne ich mittlerweile viele Menschen, die von der Chance «Heim» profitiert haben. Voraussetzung dafür ist aber immer, dass die Eltern und die Kinder sowie die professionellen Bezugspersonen von dieser Chance überzeugt sind und somit Vertrauen in die Institution aufgebaut werden kann - denn Gefühle des Versagens sind schlechte Wegbegleiter.

 
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August Schwere

Teamleiter Ambulatorien,
Behinderungsspezifische Beratung und Begleitung BBB,
zeka Zentrum für körperbehinderte Kinder
(bis 31.12.2018)

 
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