Fachliche und organisationale Herausforderungen bei der Umsetzung des Fachkonzeptes Sozialraumorientierung.

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Schlaglichter auf einen Veränderungsprozess

„SORA, flexible Beratung und Begleitung“ steht als neuer Name in der Berner Landschaft der sozialen Institutionen - mit Bedacht gewählt und verweisend auf den Begriff des SOzialRAums. Die Burgergemeinde Bern als Trägerin des ehemaligen Burgerlichen Jugendwohnheimes BJW, mit seinen beiden Bereichen „Jugendwohnheim Schosshalde“ und „SAT-Projekt“, bekennt sich mit „SORA für Familien“ und „SORA für junge Erwachsene“ zu einer innovativen sozialen Neuausrichtung der bisherigen sozialpädagogischen Angebote im Heimbereich und im Bereich der Unterstützung von jungen Erwachsenen.

Alter Wein in neuen Schläuchen? Keineswegs! Vom Entscheid einer mutigen Trägerschaft bis zur Geburt einer Organisation im neuen äusseren Kleid mit festem innerem Kern liegt ein intensiver, herausfordernder Umbauprozess. Zwei Aspekte davon, das fachliche Selbstverständnis der Mitarbeitenden und die bewegliche Organisationsform, seien hier besonders beleuchtet.

Fachliches Selbstverständnis der Mitarbeitenden  

Das Fachkonzept der Sozialraumorientierung erfordert eine intensive und tiefgreifende Auseinandersetzung mit den eigenen fachlichen Haltungen. Gewohnte und teilweise über Jahre bewährte professionelle Zugangsweisen müssen mit neuer Brille kritisch hinterfragt, umgelernt und in den vielfältigen Situationen im freiwilligen und behördlichen Kindes- und Erwachsenenschutz in unserem Arbeitsfeld verinnerlicht und tagtäglich umgesetzt werden. Die viel zitierte „Begegnung auf Augenhöhe“ mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Familienangehörigen ist nicht mit dem Vorlegen von professionell verfassten Konzepten erreicht. 

Den Worten müssen Taten folgen: SORA setzt auf eine fundierte Ausbildung der Mitarbeitenden in sozialräumlicher Arbeitsweise und auf transparente, auf die herausfordernden Lebenssituationen unserer Klientinnen und Klienten zugeschnittene Vorgehensweisen. Ziel ist in jedem Fall, die Klientinnen und Klienten so zu unterstützen, dass sie ihre eigenen Ziele erreichen oder Auflagen der Behörden erfüllen können. 

Unsere fachliche Leistung besteht zuallererst darin, die Interessen und Ziele der Menschen, die bei der ersten Begegnung mit uns mitten in krisenhaften Lebens- und Familiensituationen stecken, genau zu verstehen. Das erfordert eine „professionelle Zurückhaltung“, die geübt sein will. Sind wir Profis doch alle geschult darin, den sogenannten „Benachteiligten“ möglichst schnell und mit vollem Einsatz unseres sozialen Arsenals unter die Arme zu greifen. 

Die wahre Herausforderung sozialräumlicher Arbeitsweise besteht darin, Erwartungen an die Macht des professionellen Einflusses loszulassen. Der Power unserer Mitarbeitenden nährt sich nicht mehr vom Credo „Ich weiss, was gut für meine Klienten und Klientinnen ist und ich tue alles dafür, dass sie das erreichen!“ Unsere fachliche Kunst besteht darin, unsere professionellen Ressourcen mit bereits vorhandenen individuellen und lebensweltlichen Ressourcen unserer Klienten und Klientinnen zu kombinieren. 

Bewegliche Organisationsform

„SORA für Familien“, bis vor Kurzem noch ein klassisches „Heim“ in idyllischer Umgebung, ist auf dem Weg dazu, ein bewegliches Gebilde zu werden. Ein flexibler Organismus, der es erlaubt, die ganze Bandbreite von niederschwelligen bis hochintensiven, von sehr kurzen bis langfristigen, von massgeschneiderten, sehr individuellen und von einzelnen Individuen unabhängigen, den sozialen Raum bespielende Arrangements zu gestalten. 

Dabei geht es nicht darum, dem so häufig gehörten (Miss)Verständnis „ambulant vor stationär“ zu huldigen. Etwas salopp formuliert: Wir müssen das ermöglichen können, was in der jeweiligen Situation für Kinder, Jugendliche und ihre Familien das Passende ist. Zur Erinnerung: passend ist nicht zwingend das, was wir uns als Profis ausdenken. Passend sind Unterstützungssettings, die sich an den Zielen und am Veränderungswillen der Menschen orientieren und die anderen Lebenswelt andocken. Das wird im einen oder anderen Fall mit unserer eigenen Lebensrealität gar nichts gemeinsam haben. Welche in der Folge auch kein Richtmass für gute fachliche Arbeit im sozialräumlichen Sinne sein kann.
 
Provokativ? Vielleicht. Aber mit Sicherheit erleichternd, weil die Verantwortung für das eigene Leben voll und ganz bei den Menschen bleiben darf, die wir über einen gewissen Zeitraum beraten und begleiten. Die Verantwortung für eine qualitativ fundierte, standardisierte und nachvollziehbare Prozessgestaltung hingegen liegt bei unseren Mitarbeitenden. Diese arbeiten in unterschiedlichsten Settings und Kontexten: u.a. begleiten und betreuen sie Kinder und Jugendliche in unseren Mietwohnungen im Stadtteil Bern Ost und in Ittigen. 

Kinder und Jugendliche verbringen halbe oder ganze Tage bei uns, einige wohnen über längere Zeit bei uns. Präsenz und Engagement von Eltern vor Ort ist erwünscht. Unsere Mitarbeitenden besuchen und begleiten Familien und Einzelpersonen auch in ihren Wohnungen oder treffen sie an den Orten, die für unsere Klientinnen und Klienten stimmig sind. Zudem kennen unsere Mitarbeitenden die sozialen Räume, in denen unsere Klientinnen und Klienten leben und sind vor Ort mit professionellen und privaten Akteuren vernetzt. Eine spannende und herausfordernde Arbeitsweise für Menschen, die Interesse an Kontakten mit Menschen mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen haben. Und die bereit sind, sich fachlich täglich neu fordern zu lassen.

 
 
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Margrit Lienhart

Co-Gesamtleitung a.i. SORA
Leitung SORA für Familien
SORA für junge Erwachsene und Familien

 
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