In der Familienhilfe die Balance halten.

CURAVIVA_SCHWEIZ_HERHEIMSPAZIERT_EinblickeMutter_Key_Visual_SqSp.jpg

Die Arbeit nach dem Ansatz der Sozialraumorientierung stellt uns Fachpersonen in der Familienhilfe vor eine ganz besondere Herausforderung: Die Passung unserer Fachmeinung. Wir haben Jahre in Hörsälen verbracht, uns Theoriebücher und Fachvorträge zu Gemüte geführt und unsere Köpfe und vielleicht gar den einen oder anderen Spickzettel mit Wissen gefüllt, das später Inhalt unseres beruflichen Alltags werden sollte. Und nun ist unsere fachliche Meinung darüber, was gut und hilfreich sein könnte, für die Empfänger unserer Dienstleistung gar nicht so gefragt, wie wir dachten. 

Das Tempo drosseln
Nehmen wir die Sozialraumorientierung ernst, dann kann ich als Prozessführende eine fachlich gut abgestützte und damit durchaus sinnvolle Ansicht dazu haben, was in der Familie, mit der ich arbeite, der nächste logische und hilfreiche Schritt wäre oder in welche Richtung die gemeinsame Arbeit zielen müsste. Trotzdem halte ich mich mit meinen "guten Ratschlägen" erst einmal zurück. Im Zentrum steht, was die Familie, respektive deren Vertreter und Vertreterinnen wollen. Nicht selten muss ich das Tempo, mit dem ich in der Familie gerne unterwegs wäre, weil beispielsweise der nächste Entwicklungsschritt des Kindes ansteht oder weil die belastende Situation meiner Ansicht nach schon zu lange andauert, drosseln. Oftmals geschieht dies aus dem Grund, dass die persönlichen Ressourcen der Familie kein höheres Tempo hergeben können. In einer anderen Familie hingegen komme ich den Entscheidungen und Entwicklungen kaum hinterher, muss den einen oder anderen Zwischenschritt, der mir der Sorgfalt halber noch wichtig gewesen wäre, auslassen, da gerade Schwung in die Familiendynamik gekommen ist und mehrere Hürden auf einmal und in grossen Schritten in Angriff genommen werden. 

Den Weg erhellen
Dies verlangt von uns Fachpersonen, in der Familienhilfe eine gute Balance zwischen verschiedenen Ansätzen zu halten: der Familie folgen und einen fachlichen Hinweis äussern, weil es für das Kind wichtig wäre, die Familie selber machen lassen und im nötigen Moment entlasten und für die Familie übernehmen, die Akzeptanz der Privatheit und des Rechts auf Verschwiegenheit sowie das Forcieren der Vernetzung zwischen unterschiedlichen Fachstellen zum Wohle des Kindes.

Unser Job besteht somit also nicht darin, es besser zu wissen und der uns anvertrauten Familie mit wehender Fahne vorauszugehen und ihr den einzig richtigen oder zumindest aus unserer Sicht richtigen Weg vorzugeben. Vielmehr sind wir Wegbegleiter, die anstatt der Fahne die Fackel hochhalten und so im Idealfall das Terrain um die Familie erhellen, auf dem allerlei Ressourcen ans Licht kommen, die vorher ungesehen im Dunkeln geschlummert hatten. Dies kann die Nachbarin sein, die doch eigentlich ganz gerne mal für zwei Stunden auf das Kind aufpassen würde, damit Mama einen Termin in der Schule wahrnehmen kann. Der Elterntreff des Kindergartens, bei dem Eltern einander kennenlernen und sich über Erziehungsthemen austauschen können. Papas altes Töffli, dass der heranwachsende Sohn für seinen Weg zum Schwimmtraining vier Dörfer weiter benutzen und damit den Eltern die Fahrdienste abnehmen könnte. Und so weiter …

 
 
autorenbild_TLO_1500x1500.jpg

Tania Lopez

Fachperson Familienhilfe
Schoio-Familienhilfe

 
Diesen Beitrag via E-Mail teilen