Faire Berichterstattung.

Unsere sensationshungrige Welt macht auch vor dem Heim nicht Halt. Scheint etwas nicht ganz rund zu laufen, melden sich die Medien rasch. Möchte man als Heimleitung, dass über positive Ereignisse berichtet wird, muss man in der Regel Überzeugungsarbeit bei den Medienschaffenden leisten. Ich bewerte es grundsätzlich positiv, dass sich die Öffentlichkeit für die Geschehnisse im Heim interessiert. Auch erachte ich es als wichtig, dass die Gesellschaft einen Einblick in den Heimalltag und die Arbeitsweise erhält. Allerdings sollten die Informationen ausgewogen sein und der Wahrheit entsprechen. 

Offene Kommunikation

Ich wünsche mir eine kritische, aber ehrliche Berichterstattung über das Lory. Daher versuche ich, einen offenen, unverkrampften Umgang mit den Medien zu pflegen. Die Medienschaffenden erledigen ja auch nur ihre Arbeit. Wir sind gerne bereit, sie dabei zu unterstützen und – dort, wo wir können, ohne dabei den Jugendlichen zu schaden - Auskunft zu geben . Wie in diesem Beispiel: Vor einigen Jahren hatten wir eine Medienanfrage wegen eines kleinen Zimmerbrandes. Wir haben damals bewusst die verbrannte Matratze noch nicht entsorgt, damit das Filmteam Spuren des Brandes festhalten konnte.

Faire Berichterstattung?

Ich habe aber auch Beispiele erlebt, wie es nicht sein sollte. Das Europäische Komitee zur Verhütung der Folter (CPT) führt regelmässig Stichproben in Heimen durch. Im Rahmen eines Besuches vor einigen Jahren wurden Vorwürfe gegen das Lory erhoben. In einem Frontartikel stand anschliessend, dass von der Leitung niemand gegenüber der Presse Stellung genommen habe. Dies war zwar eine Tatsache, entsprach jedoch nur der halben Wahrheit. Fakt war, dass wir bis zum Erscheinen des Artikels gar nicht für eine Stellungnahme angefragt worden waren. So geht es nicht. Ich erwarte eine faire Berichterstattung und kein einseitiges Recherchieren.

Unangemessene Darstellung

Bei negativer Kritik ist in der Presse eine Tendenz zur Dramatisierung zu erkennen. Oft werden unvorteilhafte, stigmatisierende Begriffe wie „Anstalt» oder «Jugendgefängnis» verwendet. Jugendliche werden oftmals als „Insassen“ tituliert oder es werden Bilder genutzt, die den Eindruck eines vermeintlichen Skandals verstärken. Damit wird lediglich der Sensationslust Rechnung getragen. Der Information der Gesellschaft dient es allerdings nicht. Und den Jugendlichen und dem Image des Heimes hilft es auch nicht.  

Sorgfalt

Obwohl wir gerne bei der Berichterstattung unterstützen, steht der Schutz der Jugendlichen im Vordergrund. Der Persönlichkeits- und Datenschutz stellt hier teilweise ein Hindernis für eine offene Kommunikation dar. So ist es uns nicht möglich, zu einem Vorfall, welcher eine konkrete Person betrifft, im Detail Stellung zu nehmen. Wir können dazu meistens nur allgemeingültige Auskünfte erteilen. Dies kann dazu führen, dass nicht alle Hintergründe aufgezeigt werden können. Das Ereignis kann daher vordergründig in einem anderen Licht erscheinen. Hier ist die Sorgfalt der Presse gefordert, um den Sachverhalt dennoch korrekt darzustellen. 

Tue Gutes und sprich darüber

Relevant scheint mir auch, die Medien wichtig, aber nicht zu wichtig zu nehmen. Als Betroffene lesen und beurteilen wir einen Artikel meist viel kritischer, als dies die Allgemeinheit ohne Hintergrundinformationen tut.

Als Institutionen haben wir auch eine Mitverantwortung wie und was über uns berichtet wird. Es ist an uns, auf die Medienschaffenden zuzugehen und sie für eine Berichterstattung bei „schönem Wetter“ zu gewinnen. Dadurch kann der Austausch gestärkt und das Verständnis für die Arbeit und den Alltag im Heim gefördert werden. Es kann also sinnvoll sein, z.B. bei konzeptionellen oder baulichen Neuerungen die Medien zu informieren bzw. einzuladen oder sie gezielt über positive Ereignisse berichten zu lassen.

 
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Eliane Michel

 
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