Mehr Familienarbeit, mehr Einfluss.

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Die Zusammenarbeit mit dem Familiensystem war schon immer Teil des Angebotes der Sozialpädagogischen Wohngruppe (SPWG) Bachstei, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann, und das sind immerhin annähernd 28 Jahre.

Durch eine interne Analyse haben wir herausgefunden, dass eine fehlende Familienarbeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Aufenthalt in der SPWG Bachstei abgebrochen wird. Die Wichtigkeit der Familienarbeit wurde erkannt. Sie ist in den letzten Jahren differenzierter und im Konzept verankert sowie durch Ausbildung und Weiterbildung professioneller geworden.

Viele Kollegen verkannten und verkennen zum Teil auch heute noch die grundlegende Bedeutung der Arbeit mit Familien für den Entwicklungsverlauf von Jugendlichen. Nur auf den Jugendlichen zu schauen genügt nicht. Grundlegende Verhaltensmuster, Überlebensstrategien sowie Sinngebungsprozesse erlernt ein Jugendlicher innerhalb des Systems, in dem er aufwächst. Er verinnerlicht sie, und sie üben weiterhin grossen Einfluss auf ihn aus. Dies zu ignorieren bedeutet, weniger Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten zur Verfügung zu haben.

In der Wohngruppe Bachstei werden Eltern von Anfang an in den Erziehungsprozess eingebunden. Die Mitarbeitenden würdigen ihre individuellen Werte, Vorstellungen von Erziehung und allgemein deren Wirklichkeitskonstruktionen. Nur auf dieser Basis, nicht gegen sie und nicht ausserhalb von ihnen, kann eine gelingende Zusammenarbeit zum Wohle der Jugendlichen stattfinden. Bereits am Vorstellungs- und Aufnahmegespräch sowie an allen Standort- und gegebenenfalls auch Krisengesprächen sind sie anwesend. Sie werden in wichtige Entscheidungen einbezogen und sind über die Entwicklung ihres Kindes informiert. Weiter können sie ihr Kind in der Wohngruppe auf Anmeldung besuchen oder auch an einem gemeinsamen Nachtessen teilnehmen.

Anhand eines exemplarischen Falles kann die sich über rund vier Jahre erstreckende Arbeit mit einem Familiensystem verdeutlicht werden:

Die 15-jährige Jugendliche Sonia Mustermann wird nach einer Platzierungsanfrage durch die Behörde in der SPWG Bachstei aufgenommen. Gründe sind massive Konflikte von Sonia mit der alleinerziehenden Kindesmutter, eine daraus resultierende Überforderung der Mutter, selbstverletzendes Verhalten und gelegentliche Suizidäusserungen von Sonia sowie starke Rückzugstendenzen und das Abgleiten in digitale Scheinwelten. Die schulische Entwicklung ist durch diese Bedingungen zunehmend in Mitleidenschaft gezogen worden. 

Der Kontakt von Sonia zum Kindsvater ist seit langen abgebrochen. Es besteht ein guter Kontakt von Sonia zu einem weiterem Ex-Partner der Mutter, Herrn Meier. Mit diesem hat die Mutter einen zwei Jahre jüngeren Sohn, den Halbruder von Sonia.

Im Verlauf der Familienarbeit konnte die Mutter ihre Rolle zunehmend reflektieren und an gemeinsamen Wochenenden neue Verhaltensmuster einüben. Somit gelang es ihr zunehmend, Autorität zurückgewinnen und Grenzen zu setzen. Die vormals sehr emotionalen Auseinandersetzungen konnten daraufhin deutlich differenzierter ausgetragen werden. Gefühle der Ohnmacht seitens der Mutter verringerten sich, mehr Gelassenheit auch in sehr schwierigen Situationen konnten sich etablieren und Zuversicht bezüglich ihrer Fähigkeiten als Mutter wachsen.  Der Kontakt zum Vater wurde wiederhergestellt. Eine Annäherung sowie eine Auseinandersetzung mit der Beziehung konnte beginnen.

Der Kontakt zu Herrn Meier zeigte sich als grosse Ressource. Dieser pflegte regelmässigen Kontakt mit Sonia, unternahm in der Freizeit und Ferienzeit immer wieder etwas mit ihr und half ihr in schulischen Angelegenheiten. Durch regelmässige Gespräche mit ihm konnte er in seiner wichtigen Rolle unterstützt und ermutigt werden. Ferner erhielt er Hilfe, wenn es Konflikte mit der Mutter bezüglich des Umgangs mit Sonia gab.

Durch die zunehmende Stärkung der am Erziehungsprozess beteiligten Personen sowie ihrer Rollenklärung fand für Sonia eine deutliche Entlastung statt, und sie konnte zunehmend an Stabilität gewinnen. Konflikte wurden vermehrt konstruktiv ausgetragen und reflektiert. In der intensiven Auseinandersetzung mit dem Familiensystem geschah nun der pubertäre Ablösungsprozess von Sonia auf eine gute Weise. In den zunehmend reflektierten Konflikten erkundete und erkämpfte sich Sonia ihren eigenen Weg. Selbstverletzendes, depressives Verhalten wich selbstständigem, positivem, die Zukunft gestaltendem Verhalten.   

Selbstverständlich ist diese Arbeit nicht ohne grösseren zeitlichen und finanziellen Aufwand möglich. Entsprechende Anträge zu Handen des Amts für Jugend und Berufsberatung wurden jedoch immer negativ beantwortet. Mittlerweile scheint aber ein Umdenken in Gang gekommen zu sein. Es bleibt die Hoffnung, dass im Rahmen des neuen Kindes- und Jugendheimgesetzes des Kantons Zürich endlich adäquate Rahmenbedingungen für die Familienarbeit in Heimen geschaffen werden.

 
 
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Volker Neumann

Stv. Leitung, Sozialpädagoge und Familientherapeut
Wohngruppe Bachstei
bachstei.ch

 
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